Arzneimittelversorgung in Europa: Streit um Vorräte und Abhängigkeiten eskaliert
Philipp MeyerArzneimittelversorgung in Europa: Streit um Vorräte und Abhängigkeiten eskaliert
Auf der Jahreskonferenz des Handelsblatts entbrannte eine hitzige Debatte über die Widerstandsfähigkeit der Arzneimittelversorgung in Europa. Vertreter der Pharmaindustrie und Krankenkassen gerieten über Vorratsregelungen, ausländische Abhängigkeiten und geplante Handelsabkommen aneinander. Die Schweigsamkeit der Bundesregierung zu langfristigen Maßnahmen verschärfte die Spannungen zusätzlich.
Den Auftakt bildete ein Streit über die Bevorratung von Medikamenten. Tim Steimle, Pharmareferatsleiter bei der Techniker Krankenkasse (TK), bestätigte zwar, dass das Regierungsziel eines sechsmonatigen Vorrats erreicht worden sei. Kerem Inanc, Geschäftsführer von Alliance Healthcare Deutschland, wies dies jedoch als unzureichend zurück. Er forderte, realistische Szenarien zu definieren, um die Krisenvorsorge zu überprüfen.
Kai Joachimsen, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Arzneimittel-Hersteller (BPI), argumentierte, dass die Lagerung von Generika wenig sinnvoll sei. Er warnte davor, die Verwundbarkeiten Europas zu unterschätzen, und verlangte eine offenere Debatte. Unterdessen betonte Thomas Weigold, Deutschlandchef von Sandoz/Hexal, dass bloße Gespräche die Abhängigkeit von China bei Antibiotika und Generika nicht lösen würden.
Die Branchenvertreter setzten sich für eine stärkere lokale Produktion ein, um die Abhängigkeit von globalen Lieferketten zu verringern. Inanc plädierte für mehr europäische Fertigungskapazitäten, während Weigold das geplante Freihandelsabkommen mit Indien als "abwegig" bezeichnete. Es könne zwar wirtschaftlich vorteilhaft sein, schwäche aber die Resilienz bei Generika. Steimle hingegen begrüßte das Indien-Abkommen und verwies darauf, dass Rabattverträge de facto zu Versorgungsvereinbarungen geworden seien – mit Ausnahme von Kinderarzneimitteln.
Die Patientenorganisation BAG SELBSTHILFE unterstützte EU-weite Lösungen wie den Critical Medicines Act. Die Anträge der rechtspopulistischen AfD zur Verringerung ausländischer Abhängigkeiten fanden hingegen keine Mehrheit. Pro Generika schlug vor, die Sechs-Monats-Vorratspflicht bei Engpässen zu lockern, während Krankenkassen vor übertriebenen Investitionswarnungen warnten.
Die Konferenz offenbarten tiefe Gräben in der Arzneimittelsicherheit. Zwar existieren Vorratsziele, doch Kritiker monieren, dass sie die zentralen Risiken nicht angehen. Die Bundesregierung hat bisher keine langfristige Strategie vorgelegt – Industrie und Kassen bleiben uneins in Fragen von Handel, Produktion und Resilienz.






