Frankfurt setzt als erste Stadt Deutschlands Echtzeit-Gesichtserkennung ein – Datenschützer alarmiert
Mia SchmitzFrankfurt setzt als erste Stadt Deutschlands Echtzeit-Gesichtserkennung ein – Datenschützer alarmiert
Frankfurt ist die erste deutsche Stadt, die Gesichtserkennung in Echtzeit öffentlich in öffentlichen Räumen einsetzt. Das System, das nun im Bahnhofsviertel aktiv ist, scannt Gesichter und gleicht sie mit Polizeidatenbanken ab. Kritiker warnen vor einer Bedrohung der Privatsphäre, während die Behörden betonen, es helfe, Vermisste zu finden und Kriminalität zu verhindern.
Das Überwachungsnetz im Bahnhofsviertel umfasst 29 der 70 öffentlichen Videoüberwachungskameras Frankfurts, wobei 19 davon mit automatischer Gesichtserkennung ausgestattet sind. Diese Geräte erfassen hochauflösende Bilder ganzer Straßen auf einmal und prüfen die Gesichter auf Übereinstimmungen. Die Technologie wurde bereits eingesetzt, um eine kleine Anzahl von Personen zu identifizieren – darunter eine vermisste 16-jährige Schülerin.
Die Polizei in dem Viertel setzt auf verschiedene Taktiken, von Streifenwagenpatrouillen bis hin zu Großrazzien und Kontrollen. Offiziell ist das System zur Suche nach Terroristen, Vermissten sowie Opfern von Menschenhandel oder Ausbeutung autorisiert, doch jeder Scan erfordert einen richterlichen Beschluss. Beamte nutzen zudem eine mobile App, um Verdächtige zu fotografieren, die sich weigern, ihren Ausweis zu zeigen, und gleichen die Aufnahmen mit bundesweiten Datenbanken ab.
Die Auswirkungen gehen über die Strafverfolgung hinaus. Die Anwohnerin Juanita Henning beschrieb, wie unwohl sie sich unter ständiger Überwachung fühlt und die mögliche missbräuchliche Verwendung der Aufnahmen fürchtet. Die Aktivisten Walter Schmidt und Uli Breuer haben Beschwerden eingereicht und bieten nun Führungen an, um zu zeigen, wie das KI-gestützte System funktioniert. Das Nika-Haus, ein lokales Unterstützungszentrum für Roma- und Sinti-Mütter, berichtete, dass die intensive Überwachung verletzliche Klientinnen davon abhält, Hilfe zu suchen.
Frankfurts System folgt einem Testlauf am Berliner Bahnhof Südkreuz, doch die Stadt hat die Kosten für die Gesichtserkennungs-App nicht bekannt gegeben. Die aus den Scans erzeugten digitalen Fingerabdrücke könnten theoretisch mit Online-Bildern abgeglichen werden, was weitere Bedenken hinsichtlich des Verlusts von Anonymität im öffentlichen Raum aufwirft.
Der Einsatz von Echtzeit-Gesichtserkennung im Bahnhofsviertel markiert einen Wandel in der öffentlichen Überwachung in Deutschland. Rechtliche Herausforderungen, darunter eine Klage von Henning und anderen, stellen die Vereinbarkeit mit Datenschutzgesetzen infrage. Vorerst bleibt das System in Betrieb, während die Polizei weiterhin die Straßen, Gebäude und sozialen Einrichtungen des Viertels überwacht.






